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Herzlichen Glückwunsch, Sie gehören zu den wenigen besessenen Besuchern dieser Internetseite, denen es gegönnt ist, einen Blick auf die geheime Historie der Pyrografie (Wunderkerzen Porträt Zeichnungen) zu werfen. Und Sie haben es sich wirklich verdient, denn entweder haben Sie hartnäckig auf unserer Homepage herumgeklickt, bis Sie ein versteckter Link direkt hier hin befördert hat oder Sie haben sich sogar die Mühe gemacht, zweieinhalb Meter auf unserer Startseite herunterzuscrollen und ihr Zeigefinger ist nun ganz dick und angeschwollen. Aber Sie sollen entschädigt werden, denn zum ersten Mal wird hier an dieser Stelle das wohl gehütete Zeichner-Archiv einen Spalt weit geöffnet und einer kleinen, aufmerksamen Öffentlichkeit präsentiert. Die Bilder und Tatsachen aus der Entwicklungsgeschichte der Pyrografie (auch: Pyrographie, pyrography, Feuerzeichnung), die wir bisher aus purer Geheimniskrämerei unter Verschluß gehalten haben, werden nun getreu den wahren Gegebenheiten erstmalig nacherzählt. Die immer wiederkehrende Frage „Wie kommt man denn auf die Idee?“, die unsere Zeit als Pyrografen (oder auch Pyrographen, Pyrozeichner, Pyrografiker oder „die Grafen Pyro“) wie ein Credo seit fast 10 Jahren begleitet, soll hier abschließend beantwortet werden: Wir schreiben den Sommer 1999 in Weimar. Die Kleinstadt in Thüringen wird von einer gigantischen Flut von Touristen niedergewalzt. Das kleine Städtchen wird zur Kulturstadt Europas 1999 ernannt und platzt aus allen Nähten. Was machen dreißigtausend Besucher täglich (!) in einer Kleinstadt mit gerade mal 65000 Einwohnern? Was passiert nachdem man sich das Goethe-Haus, das Schiller-Haus und Das Bauhaus angeschaut hat? Genau: Dreißigtausend Menschen laufen mehr oder weniger orientierungslos durch die Schillerstrasse, trinken einen Cappucino zur Donauwelle, kaufen sich unbrauchbare Souvenirs wie vergoldete Gingko-Blätter und Fußabtreter auf denen das Wort „Salve“ geschrieben steht. Es war ein diamantenes Jahr für Weimar und seine Bürger. Überall unter den Einheimischen wurden obskure Ideen geschmiedet, wie man diese ungewöhnliche Situation für sich nutzbar machen könnte. („Ich hab’s: Ein silberner Schlüsselanhänger geformt wie eine Thüringer Rostbratwurst “) Und genau in diesem Klima entsteht auch unsere Idee. Und das hat einen einfachen Grund: wir waren arm und wir brauchten Geld, viel Geld (an Ruhm oder andere Wohltaten war damals noch nicht zu denken). Wie es sich gehört, beschlossen wir das zu machen was wir können, nämlich Zeichnen. Aber was sollten wir zeichnen? Wir hatten uns zwar einige Male im Erfurter Zoo getroffen um dort einige Primaten, die europäische Sumpfschildkröten und ihre exotischen Kollegen zu portraitieren. Aber warum sollte ein Tourist in der Schillerstrasse ein Tierportrait kaufen? Das hörte sich nicht nach einer brauchbaren Geschäftsidee an. Es war also ziemlich schnell klar, dass wir nicht die Tiere sondern die Menschen selbst werden zeichnen müssen. Aber uns in die Reihe der demütigen Scherenschnittschneider und depressiven Karikaturisten einzuordnen, das war dann doch keine Option und verbot unsere Selbstachtung. Also kam uns eine erste einfache Idee: Streichholz-Action-Portraits. Und das ging so: Man nehme zwei Streichhölzer, brenne sie vor den Augen des verwunderten Modells ab und kratze mit dem Rest Kohle ein Porträt aufs Blatt. Das Problem: man sieht nicht mehr als ein kleines aufflammendes Feuerholz und das ist in etwa so spektakulär wie Onkel Wickert im Sommerloch. ![]() Schon bald kam eine zweite Idee auf und die erwies sich als brauchbarer: Porträts mit Wunderkerzen! Am 17.05.1999 brannten die mittellosen Kunststudenten Tobias Kipp und Timo Pitkämö zum ersten Mal in der westlichen Kulturgeschichten mit einer einfachen, handelsüblichen Wunderkerze auf ein einfaches, handelsübliches Blatt Papier das Porträt eines einfachen, handelsüblichen Menschen. Dieser Vorgang dauerte durchschnittlich 42 Sekunden. Das Porträt kostete 3 Mark. ![]() Aufgrund des mangelnden Könnens der frühen Anfangszeit waren die Porträts von riesigen Brandlöchern übersät und sahen den Porträtierten nur äußerst selten ähnlich. Es kam auch vor, daß ganze Blätter vor den Augen des Modells zu Asche brannten. Hauptkunden in dieser Zeit waren unsere Bekannten, Weimarer Studenten, Professoren, Dozenten und Schulklassen, die unbedingt ein hässliches Porträt von ihrem Klassenlehrer für die Abizeitung haben wollten. Vielen Dank an die, die uns in dieser schwierigen Phase unterstützt haben. ![]() Ein erster Schritt in Richtung Professionalisierung der Pyro-Portraits waren kleine Verbesserungen der Ausrüstung. Die ersten Verdienste wurden in besseres Equipment investiert: Gaslötbrenner, tragbare Zeichenbretter mit Haltegurt und T-Shirts mit dem Slogan „We draw faster than you“. Sogar zwei Sponsoren konnten wir gewinnen, die uns für einige Zeit mit Papier (30 Blöcke à 200 Blatt) und Wunderkerzen (40.000 Stück = 4K) versorgten. Die wichtigsten, inzwischen teilweise schon antiquierten Stücke, zeigen wir hier. ![]() Als die Touristenflut in Weimar langsam verebbte und unsere Verdienste langsam wieder schrumpften (2 Stunden Arbeit und nur 22 Mark, 4 Bier und 3 Crèpes?), gab es nur noch den einzigen, logischen und Folgeschritt zu tun: Die Fackel der Pyrografie musste hinaus in die weite Welt getragen werden. Aber unser Größenwahn war damals noch nicht so weit entwickelt wie heute, also trugen wir die Fackel der Pyrografie erstmal bis Erfurt, wo wir die ZEICHNER EUROPATOUR 2000 starteten. Es ging weiter nach Holland, nach Belgien, dann sogar nach Frankreich. Und nachdem an einem Tankautomaten in Frankreich unsere letzte EC-Karte eingezogen wurde, mussten wir tatsächlich um unser Überleben zeichnen. Schlafen Sie einmal zu zweit in einem Subaru Justy direkt vor einem Friedhof, stehen Sie entsprechend gemartert auf, und zeichnen Sie dann um 8.30 Uhr morgens als allererstes zwei Porträts von zwei Franzosen die sich gerade auf dem Weg zur Arbeit befinden, damit Sie ein paar Francs für Kaffee und ein Stück Baguette zusammenbekommen. Das war hart, zumal die Franzosen fast nie verstanden was wir von ihnen wollten, denn im Französischen gibt es weder ein eindeutiges Wort für „Wunderkerze“, noch Geld für verbrannte Trashportraits. Und kein Wunder, dass wir im Laufe der Europatour ein altes Handelsinstrument wiederentdeckten: den Tauschhandel. ![]() Und das geht so: Wer mit Feuer porträtiert werden will muss zahlen! Das ist klar. Das war schon immer so. Womit er zahlt, ist jedoch ihm überlassen. Jeder soll pyrographiert werden können, egal wieviel Scheine oder Nicht-Scheine er im Portemonnaie hat. Dazu haben wir das schöne mittelalterliche (und leider seit Fall der Mauer viel zu sehr vernachlässigte) System des Tauschhandels aus den Geschichtsbüchern hervorgegraben. Im Tausch gegen Zeichnungen sind wir besonders im Zuge der Europatour 2000 in den Genuss köstlicher Salate, divnender Geisterbahnbesuche, geschmackvoller Cocktails und eigensinniger Henna-Tatoo-Interpretationen des Zeichner-Logos gekommen. Wir haben es nicht bereut. Den ganzen Tourbericht kann man auf unserer Seite tour.zeichner.net nachlesen. So sehr man sich auch dagegen wehrt: Wenn man eine Weile bei derselben Sache bleibt, wird man zwangsläufig besser. Mittlerweile war auch die Welt des Glamours und der Prominenz auf uns aufmerksam geworden. Man lud uns zu diversen Veranstaltungen ein („Holt uns die Pyrografiker ran“). Auf dem Bonner Presseball zeichneten wir unseren ersten (C-)Promi. Es war der Botschafter von Marokko (der sich ordnungsgemäß in der Schlange der Wartenden angestellt hatte) und Manu aus dem Big Brother Haus. ![]() Mit verstärkter Übung (Sessions mehrmals wöchentlich) und steigendem Können verkümmerte der Trash-Faktor in den Bildern auf ein vertretbares Mass. 42 Sekunden waren jedoch oft zu kurz, um eine erkennbare Ähnlichkeit zu erzeugen. Insbesondere unsere Amerikanischen Freunde tendierten auch regelmäßig dazu, auf eine exakte Einhaltung der Bedingungen (unter Verwendung von Stoppuhren) zu pochen. Also entschieden wir uns die Zeit für ein Porträt auf 84 Sekunden (also 2 Wunderkerzen) zu erhöhen. Das bringt den Adrenalinspiegel runter, die Lebenserwartung hoch, und ein geschmeicheltes Lächeln auf die Züge des beglückten Modells. ![]() In Folge des höheren Wunderkerzenverbrauchs kletterte der Preis für ein Pyro-Porträt von 3 auf 5 und schliesslich auf 9 Mark pro Porträt. Um sich bei Laune zu halten, entwickelte ZEICHNER unterschiedlichste avantgardistische Formen der Kunden-Akquise, die sich zum Teil stark an der Grenze zum "brain-washing" bewegten: "Heute die Spezial-Aktion 'Hässliche Porträts für schöne Menschen'!" Die Auftritte begannen sich zu mehren und uns wurde langsam bewusst, dass wir unsere eigene winzige Marktlücke geschaffen hatten. Einer dieser nüchternen Marketing-Chefs hielt mal verzückt sein Portrait in Händen und analysierte: „Die Technik besitzt absolute Alleinstellungsmerkmale in einem ungesättigten Nischenmarkt, was bedeutet, dass ihr eine Marktführerschaft in diesem Segment anstreben könnt.“ - Wow. Es ist an der Zeit das letzte Geheimnis der Pyrografie zu lüften, denn es soll sich ja gelohnt haben, dass Sie den Text bis zu dieser Stelle gelesen haben: Von jedem Gesicht, dass wir jemals gezeichnet haben, und es sind weit mehr als 20.000, haben wir einen Durchschlag behalten. Dabei haben wir nicht für jedes Portrait ein eigenes Blatt verwendet, sondern wir haben manchmal 50, manchmal 100, manchmal 300 Portraits auf ein einziges Blatt durchkopiert. Und dieses Durchschlagpapier nennen wir unsere „Pyrokopie“. Auf der Pyrokopie, die unbemerkt unter dem Zeichenpapier liegt, entsteht langsam ein zweites Gesicht. Und dieses Gesicht ist das Portrait aller Menschen, die wir an diesem Abend oder an den Abenden zuvor gezeichnet haben. Egal ob Vorwerk-Vertreter in Berlin oder Bodyguard von Peter Maffay, ob Prinz von Monacco oder Schrauber im VW Werk Wolfsburg, ob Banker in Prag oder Obdachloser in Dahn in der Pfalz, auf der Pyrokopie vereinen sich alle Gesichter zum Durchschnittsgesicht der Feuer Gezeichneten, der gebrannten Kinder dieser Welt. ![]() Diese Pyrokopien werden wir erstmalig im nächsten Jahr 2009 zum 10 jährigen bestehen der Pyrografie (Pyrographie) ausstellen. Falls Sie Interesse an einer Einladung zur Ausstellung haben, können Sie hier unseren Newsletter abonnieren: newsletter at zeicher dot net Haben Sie vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Unterstützung Ihr Tobias Kipp & Timo Pitkämö Berlin, Hamburg http://www.zeichner.net ![]() nach oben |